Erfahrungsbericht eines deutschen Braumeisters in China   (1)
Von Dipl. Brmst. Gernot Berngruber, Lehrstuhl für Technologie der Brauerei I, Weihenstephan

Wußten Sie, daß man Spaghetti mit Stäbchen ißt und sie, das Kinn ca. 12 cm über der Tischplatte schwebend, mit einem deutlich hörbaren Schlürfgeräusch einsaugt? Nein?
Nun, dann geht es Ihnen wie mir, bevor ich für die Beckmann de Bassus GmbH, die weltweit Kleinbrauereien baut, den Auftrag annahm, in Peking eine Gasthausbrauerei einzufahren.

Daß China eine andere Welt ist, war mir zwar bewußt, doch sollten meine Erwartungen, der ich Europa noch nie verlassen hatte, bei weitem übertroffen werden. Nachdem ich ohne tot umzufallen den für deutsche Verhältnisse chaotischen chinesischen Großstadtverkehr überlebt hatte und um dem Jetlag keine Chance zu geben, machte ich mich gleich nach der Ankunft auf der Baustelle nützlich.

Es ging etwas gemächlicher zu als gewohnt, öfter mal eine Teepause, ein Schwätzchen, oder, da die dort arbeitenden Chinesen aus allen Landesteilen kamen und damit z.T. völlig unterschiedliche Dialekte sprachen, eine kleine Diskussion, bis alle im Bilde waren, um was es eigentlich ging und ihre Meinung kundgetan hatten.

Ralf Gerwert, Geschäftsführer der BdB GmbH und Baustellenleiter vor Ort, machte mich mit den technischen und örtlichen Gegebenheiten sowie den wichtigsten Eigenheiten der chinesischen Mentalität vertraut.

Nach einer Woche war mir klar: Wenn ich hier fertig bin, bin ich entweder reif für die Klapsmühle; oder mich kann nichts mehr erschüttern. Letzteres sollte der Fall sein.

Das Hauptproblem war, daß die anzulernenden Arbeiter zwar angeblich Fachleute waren, die aber, wie sich bald herausstellen sollte, nicht über allzu große Fachkenntnisse verfügten (was in manchen Ländern ganz normal ist).

Ich stand also vor der Aufgabe, meinen Schützlingen nicht nur in die Anlage einzuweisen, sondern auch die allgemeinen Arbeitsgrundlagen der Bierbrauerei beizubringen, und das alles mittels Dolmetscher, der zum ersten Mal im Braugewerbe übersetzte und sich in vielen schlaflosen Nächten in die Brauersprache ("Was bedeutet Läuterbottich?") einarbeiten mußte.

Also standen Grundübungen wie Spindeln, Tankreinigen, Bottichwaschen, das Einmaleins des Putzens usw. auf der Tagesordnung und mußten durch ständiges Wiederholen neben dem eigentlichen Vermitteln des Brauvorganges eingeschleift werden.

Hier ein kleiner Auszug aus den Geboten für chinesische Brauer:
1. Du sollst nicht auf den Boden spucken.
2. Du sollst nicht mit einem trockenen Lappen den Staub von dem polierten Kupfersudwerk wischen (weil es sonst irreversible Kratzer gibt).
3. Du sollst nicht mit dem Edelstahlvlies den Läuterbottich "polieren"(s. unter 2.).
4. Du sollst nicht mit dreckigen Fingern in den frisch gewaschenen Anstellbottich langen.
5. Du sollst nicht warten, bis die Würze von selber in die Sudpfanne läuft (das tut sie nämlich nicht). Du mußt vorher Wechsel öffnen und Pumpe einschalten.
6. Für Elektriker: Du sollst kein Loch in die Decke bohren, wenn die Würze daneben im offenen Bottich liegt.
7. Für Sanitärfachleute: Du sollst nicht ungefragt das Wasser stundenlang abdrehen, wenn der Braumeister gerade beim Ausschlagen ist.
8. Du sollst nicht mit versifften Schuhen in der Brauerei herumtapsen.
9. Du sollst nicht mit den Bottichbürsten den Boden schrubben.
10. Du sollst deinen Braumeister weder in Hefe noch in Cola baden.

Nun, von solchen Kleinigkeiten ließen wir uns die Laune nicht verderben, und im Laufe der Zeit ging es sowohl mit dem Hygienebewußtsein ("Was ist das wichtigste in der Brauerei?" "Ähmm..." "Die Sauberkeit!" "Ach jaa!") als auch mit dem Handling der Brauereiwerkzeuge und der Anlage bergauf.



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